Die Riester-Rente war einmal als große Idee gedacht. Vor gut 20 Jahren wollte der Staat die private Altersvorsorge fördern und Menschen dazu bringen, zusätzlich Geld für das Alter zurückzulegen, statt sich allein auf die gesetzliche Rente zu verlassen. In der Theorie klingt das vernünftig. In der Praxis entpuppte sich das Modell für viele als teurer Irrtum. Denn ein erheblicher Teil der staatlichen Zulagen landet nicht etwa bei den Sparern, sondern versickert in Gebühren, Provisionen und Verwaltungskosten der Versicherer. Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland besitzen einen Riester-Vertrag, viele davon mit derselben Frage im Kopf: Weiterlaufen lassen, weil schon so viel Geld hineingeflossen ist? Oder kündigen, um den Schaden wenigstens zu begrenzen? Ich habe meinen Vertrag nach 15 Jahren beendet und einmal genau nachgerechnet, wie viel ich eingezahlt habe – und wie wenig davon am Ende übrig blieb.
Riester-Rente: Das waren die ersten beiden Fehler
Meinen Riester-Vertrag schloss ich im September 2011 ab. Eine Versicherungsmaklerin empfahl ihn mir damals mit jener unerschütterlichen Überzeugung, die Menschen entwickeln, wenn sie am Abschluss mitverdienen. „Riester ist nach wie vor die beste Möglichkeit, die es in Deutschland gibt, um für die Altersvorsorge zu sparen. Eine effektivere gibt es nicht“, lautete ihr Versprechen damals. Die Riester-Rente sei also praktisch narrensicher, erklärte sie und legte mir stapelweise DIN-A4-Blätter mit Beispielrechnungen vor. Überall standen große Summen, satte Renditen und beruhigende Prognosen. Ich war skeptisch, wie ich es bei Finanzthemen immer bin, und fragte irgendwann: „Wer verdient hier eigentlich wirklich?“ Die Antwort lautete: Sie bekomme zwar eine Provision, aber nicht von mir, sondern vom Anbieter.
Spätestens an dieser Stelle hätte ich misstrauisch werden müssen. Denn Versicherungen zahlen selten aus reiner Menschenfreundlichkeit Provisionen in vierstelliger Höhe. Natürlich holt sich der Anbieter dieses Geld zurück – nur eben nicht bei sich selbst, sondern beim Kunden. Also bei mir. Aber damals funktionierte die Vorstellung vom sorgenfreien Ruhestand erstaunlich gut. Ich sah mich schon als entspannten Rentner, umgeben von Enkelkindern, denen ich großzügig heimlich Geldscheine zustecke. Und das alles angeblich mit nicht einmal 70 Euro monatlich. Dazu die damalige staatliche Zulage von 150 Euro pro Jahr. Das klang vernünftig genug, um den Vertrag zu unterschreiben.
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Sieben Jahre später, 2018, trat der nächste Finanzberater auf den Plan. Er beriet die Mitarbeiter der Firma, in der ich damals arbeitete, zur betrieblichen Altersvorsorge. Kurz darauf mich auch zur Riester-Rente, als er herausfand, dass ich eine habe. Erst bei den Recherchen zu diesem Artikel fiel mir seine Signatur in alten E-Mails wieder auf: „Senior Sales Manager für Finanzdienstleistungen“. Schon diese Berufsbezeichnung klingt weniger nach Beratung als nach Verkaufsabteilung. Und genau das war es letztlich auch. Wer Provisionen kassiert, verkauft im Zweifel nicht das beste Produkt, sondern das mit dem attraktivsten Bonus.
Wieder folgten endlose PDF-Dokumente voller Rechenbeispiele, optimistischer Kurven und Rentensummen, die klangen, als würde mir im Ruhestand ein reicher Prinz Geld vererben. Inzwischen war die staatliche Zulage auf 175 Euro gestiegen. Also wechselte ich meinen Riester-Vertrag zu einem anderen Anbieter und erhöhte den monatlichen Beitrag von rund 70 auf etwa 85 Euro. Rückblickend war das mein zweiter Fehler. Der erste war, überhaupt einen Riester-Vertrag abzuschließen. Denn weder die Maklerin noch der Finanzberater zeigten in ihren schönen Hochglanzrechnungen das, worauf es tatsächlich ankommt: die laufenden Kosten.
Fehler 3: Beitragsfrei
Schon beim ersten Vertrag zahlte ich jedes Jahr Abschluss- und Vertriebskosten von 106 Euro sowie weitere Verwaltungskosten von knapp 70 Euro. Nach dem Anbieterwechsel lagen die jährlichen Kosten plötzlich bei mehr als 300 Euro. Damit fraßen die Verträge nicht nur die komplette staatliche Zulage auf, sondern zusätzlich auch noch einen Teil meines eigenen Geldes.
Warum ich dieses Riester-Renten-Konstrukt trotzdem weiterlaufen ließ, kann ich bis heute nicht wirklich erklären. Vielleicht, weil Versicherungen davon leben, dass Menschen nicht allzu genau hinschauen. Monatlich wird ein Betrag abgebucht, irgendwo trudelt einmal im Jahr ein Schreiben mit vielen Tabellen ein, und man denkt sich: Wird schon passen. Dann machte ich Fehler Nummer drei.
Im Februar 2022 stellte ich den Vertrag beitragsfrei. Das erschien mir damals logisch. Kein weiterer Beitrag, also mehr Geld am Monatsende. Und das bereits eingezahlte Guthaben, so dachte ich, bleibt ja erhalten. Nur leider funktioniert Riester ungefähr so wie ein Parkhaus, bei dem auch dann weiter Gebühren laufen, wenn das Auto längst nicht mehr fährt.
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Denn obwohl ich nichts mehr einzahlte, liefen Abschlusskosten, Verwaltungskosten und allerlei andere Gebühren munter weiter. Fünf Jahre lang zahlte ich also indirekt dafür, einen Vertrag zu besitzen, der mir nicht einmal mehr die staatliche Zulage brachte. Weder die Versicherung noch der Finanzdienstleistungsverkäufer hielten es für nötig, darauf ausdrücklich hinzuweisen. Vermutlich wäre das schlecht fürs Geschäft gewesen. Bis ich den Vertrag schließlich im April 2026 kündigte.
Das Ergebnis: Wo ist mein Geld hin?
Über die gesamten 15 Jahre zahlte ich rund 9.000 Euro in die Riester-Rente ein. Hinzu kamen etwa 1.600 Euro staatliche Zulagen. Dass diese Zulagen bei einer Kündigung zurückgezahlt werden müssen, wussten meine Berater erstaunlich genau und betonten es frühzeitig. Vermutlich aus Sorge, ich könnte irgendwann auf die Idee kommen, den Vertrag vorzeitig zu beenden – und damit ihre Provisionen zu gefährden.
Dann kam die Kündigungsbestätigung. Und mit ihr zum ersten Mal eine halbwegs konkrete Auflistung der Kosten. Bereits beim Wechsel des Anbieters im Jahr 2018 verschwanden mehr als 1.000 Euro meines Guthabens. Die erste Versicherung behielt das Geld schlicht als Kündigungskosten ein. Einfach weg.
Die zweite Versicherung führte später Altersvorsorgebeiträge von insgesamt 8.623 Euro auf – ohne Zulagen. Wie genau diese Summe zustande kam, blieb so nachvollziehbar wie die Steuererklärung eines internationalen Großkonzerns. Am Ende überwies mir die Versicherung nach der Kündigung exakt 6.149 Euro auf mein Konto. Der Rest? Irgendwo zwischen Abschlusskosten, Vertriebskosten, Verwaltungskosten und jenem Versicherungsnebel, in dem Geld zuverlässig verschwindet.
Unterm Strich bleibt ein bitteres Ergebnis: Ich habe 15 Jahre lang gespart und trotzdem rund ein Viertel weniger zurückbekommen als das, was ich selbst eingezahlt hatte. Etwa 2.400 Euro gingen durch Vertragswechsel, Gebühren und laufende Kosten verloren. Dass es diese Kosten überhaupt in diesem Ausmaß gibt, erwähnten weder die Finanzberater noch die Versicherungsmakler besonders offensiv. Wahrscheinlich aus gutem Grund. Denn sobald man versteht, dass die staatlichen Zulagen oft vor allem die Versicherer subventionieren, verliert die Riester-Rente sehr schnell ihren Zauber.
Oder anders gesagt: Hätte ich die 70 bis 85 Euro monatlich einfach zu Hause in einen Sparstrumpf gesteckt, hätte ich heute rund 2.400 Euro mehr.
Neue Altersvorsorge löst Riester-Rente ab
Dass die Riester-Rente zu kompliziert, zu teuer und für viele schlicht zu unattraktiv geworden ist, hat inzwischen auch die Politik verstanden. Der Bundestag beschloss am 27. März 2026 eine Reform der privaten Altersvorsorge. Ab 2027 soll deshalb voraussichtlich ein neues Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ersetzen. Das allein sagt schon einiges über den Zustand des bisherigen Modells aus. Wenn selbst der Staat seine eigene Prestigevorsorge nach gut zwei Jahrzehnten austauschen will, war offenbar nicht nur das Marketing das Problem.
Wer noch einen Riester-Vertrag besitzt, sollte jetzt trotzdem nicht vorschnell kündigen oder hektisch den Anbieter wechseln. Denn genau bei solchen Wechseln und Kündigungen langen Versicherer erfahrungsgemäß noch einmal besonders beherzt zu. Sinnvoller kann es sein, den Vertrag beitragsfrei zu stellen und zunächst abzuwarten. Wer heute kündigt, verliert sämtliche staatlichen Zulagen der vergangenen Jahre. Nach aktuellem Stand sollen diese erhalten bleiben, wenn das Guthaben später in das neue Altersvorsorgedepot übertragen wird. Wer dennoch sofort aussteigen will, sollte sich darauf einstellen, am Ende womöglich deutlich weniger zurückzubekommen, als er über Jahre eingezahlt hat.
Und dieses neue Altersvorsorgedepot? Es soll vieles einfacher machen als die Riester-Rente. Bisher lag die staatliche Förderung pauschal bei 175 Euro pro Jahr. Künftig soll stattdessen eine proportionale Zulage gelten. Bedeutet: Für jeden eingezahlten Euro gibt der Staat zunächst 50 Cent dazu – bis zu einer Einzahlung von 360 Euro jährlich. Für jeden weiteren Euro zwischen 360 und 1.800 Euro gibt es dann noch einmal 25 Cent Zuschuss. Laut Finanzministerium liegt die maximale Förderung damit bei 540 Euro pro Jahr.
Wer vor dem 25. Geburtstag einen Altersvorsorgevertrag abschließt, erhält zusätzlich einmalig 200 Euro Berufseinsteigerbonus. Familien sollen außerdem schneller von der Kinderzulage profitieren: Die volle Förderung von 300 Euro pro Kind und Jahr gibt es künftig bereits ab einem monatlichen Sparbeitrag von 25 Euro. Klingt erst einmal deutlich attraktiver als die alte Riester-Rente. Entscheidend wird am Ende aber dieselbe Frage sein wie immer: Wie viel davon landet tatsächlich bei den Sparern – und wie viel wieder bei denen, die ihnen die Verträge verkaufen.
